STUDIE ZUM SCHWEBEN

von Stefan Vicedom

0,11 Meter (HGT)

Für den von Natur aus zur Bodenständigkeit neigenden Menschen verbleibt jeder Zustand des Schwebens zunächst einmal ein offenes Wagnis. Denn aus physikalischer Perspektive zeichnet sich ein Zustand des Schwebens gerade durch die Nihilierung jeglicher Kräfteverhältnisse (und damit zugleich durch den Verlust jeglicher Bodenständigkeit) aus. Obwohl eine solche Abwesenheit von bindenden Kräften im ersten Moment zweifellos ein hohes Maß an Freiheit verspricht, scheint der Mensch letztlich dennoch nur unzureichend für diesen Zustand gerüstet (Dialektik der Aufklärung). Denn wie sich fortbewegen, orientieren, fixieren, annähern, die fragile Balance halten, wenn einen stets grundlegende Bodenlosigkeit (oder ähnlich fatal: ein unendliches Entgleiten) umschwingt? Zuvorderst würde es wohl neue Sensoria, Instrumente und Strategien verlangen, um dieser Bodenlosigkeit zu begegnen. Doch wie hartnäckig bodengläubig der menschliche Körper selbst nach Jahrtausenden des Fortschritts bleibt, mag sich nicht zuletzt darin zeigen, dass im (physikalischen) Kern auch heute noch jeder Schritt kaum mehr als ein abgefangenes Fallen ist.

828 Meter (HGT)

In ihrem ureigenen Wesen widerstrebt die menschliche Vernunft der Fähigkeit zu schweben. Denn ihre Welt verbleibt in erster Linie eine in logischen Zuordnungen, Kategorisierungen und Gesetzmäßigkeiten verankerte (Kategorischer Imperativ). Indem sie Raum und Zeit, Himmel und Erde, Körper und Schwerelosigkeit definiert und berechnet, vermag sie selbst dem Zustand des Schwebens noch einen fundierten Boden zu verleihen. Ein Schweben der Vernunft scheint deshalb nur an jenen Punkten möglich, wo das philosophische Staunen (also die Unbenennbarkeit von Dingen), die ästhetische Kontemplation (also die Anschauung ohne Begriffe) oder der Wahnsinn (als entankerte Interpretation der Realität) die Kraft ihrer Prinzipien aufzuheben imstande ist. Dass unsere Gegenwart die Fähigkeit des Staunens jedoch bereitwillig durch Ironie ersetzt hat, den Wahnsinn lediglich noch als pathologischen Erkenntnisgegenstand begreift (Foucault) und den Akt ästhetischer Kontemplation vor allem an der Makellosigkeit der eigenen (Profil)Bilder zu perfektionieren strebt, mag dabei weniger ein schwebendes, denn ein handfestes Zeichen für die Welterschließung (post)moderner Menschen sein.

2081 Meter (HGT)

Verliebt zu sein, heißt für gewöhnlich, auf Wolke 7 zu schweben. Entäußert sich in diesem (Sinn)Spruch einerseits die innerste Verknüpfung des Schwebens mit emotionalen Empfindungen, so klingt darin zugleich die Relation zum menschlichen Anderen als ein bisweilen entscheidendes Kriterium an. Noch grundlegender als auf sicherem Boden, scheint jede Interaktion mit dem Anderen ihre Dynamik dabei im fragilen Zustand des Schwebens zu entfalten. Denn ist es nicht ein kleiner Fingerstoß, der lose Astronauten bereits unaufhaltsam in das Weltall entgleiten lässt? Ein argwöhnischer Blick, der jeden Zweifler bereits haltlos in seine eigenen Zweifel verwindet? Und ein nebensächliches Wort, das dem Verliebten bereits jegliche Balance in der wolkigen Höhe zu rauben droht? Aus Perspektive bodenständiger Menschen mag diese Dynamik ohne Zweifel im prinzipiellen Fehlen eines soliden Standpunktes gründen. Doch verbleibt dem Schwebenden aus seiner (Vogel)Perspektive ja gerade jener Standpunkt nicht viel mehr als ein abstraktes Zeichen. Jeglicher Interaktion im Schwebezustand kann der Boden (und seine Tatsachen) deshalb nur unzureichend als Maßeinheit genügen. Ungleich naheliegender zeigt sich hingegen die Eigentümlichkeit eines Tanzparketts, auf dem weniger eindeutige Standpunkte, als flexible Bezugnahmen und spontane Gegenseitigkeit den Akt gelungener Interaktion markieren.

+/- ∞ Meter (HGT)

Menschen und Dingen die Eigenschaft des Schwebens zu verleihen, trug lange Zeit den Nimbus übernatürlicher und göttlicher Kräfte in sich. „Das Wunder von Hindustan“ (1847) des Magiers Alexander Heimbürger mag hierfür ebenso als Beispiel einstehen wie das kosmische (weil alle Gegensätze in sich vereinende) Schweben des Buddha Shakyamuni (500 v. Chr.). Aber während die körperliche Schwerelosigkeit Buddhas (gemäß den Dogmen seiner Lehre) in einer Lossagung von allen rationalen und emotionalen Bindungen gründet (yogisches Fliegen), erweist sich das schwebende Kind in Alexander Heimbürgers Zauberstück als ein bloßes Arrangement innovativer Techniken und raffinierter Illusionen. Die Taktiken der Magie sind somit durchaus als (Bestand)Teil jenes uralten (und ungebrochenen) Menschheitstraums zu denken, der die Eigenschaften des Übernatürlichen und Göttlichen anhand technologischer Erweiterungen einzulösen sucht. Doch was uns gegenwärtig den Eindruck eines transzendenten Weltbürger(da)seins vermittelt (technische Mobilität, digitale Medien, Nano- und Biotechnologie etc.), mündet nüchternsoziologisch betrachtet vor allem in einer (bodenständig) steigenden Anzahl entwurzelter Lebenssituationen (urbane und digitale Nomaden, ökonomische Exklusionen, Flüchtlingsströme etc.). Dieser Entwurzelung Dimensionen einer kosmischen Erkenntnis abzuringen, hieße demnach, sich auf ein Schweben einzulassen zwischen freiem Fall und Illusion. Genau jenen Momenten also, die schon Yves Klein ineinander aufzulösen versuchte, als er die Präsenz des Göttlichen im Immateriellen bei seinem Sprung in die Leere (1960) heraufbeschwor.

 

 

NOTES ON FLOATING

by Stefan Vicedom


0.11 Meters (HGT)

For naturally down to earth humans, all states of floatation are primarily states of indeterminate risk. From a physical perspective, a state of floatation is characterized precisely by the the cancellation of all forces (and likewise, a subsequent loss of any form of groundedness). Although such an absence of compulsive forces certainly promises a large degree of freedom at first, humans nevertheless seem to be poorly equipped for this state in the end (Dialectic of Enlightenment). How would one advance, orient oneself, fasten some things, approach others or even keep one’s balance when faced with a constant and fundamental groundlessness (or similarly fatal: permanent slippage). First and foremost, we would need to develop new sensoria, instruments and strategies to respond to this groundlessness. Just how much the human body insists on groundedness even after millennia of progress can be recognized in the fact that, even today, every human step is essentially little more than an intercepted fall. 

828 Meters (HGT) 

Even in its very nature, human reason resists the ability to float. Its world remains primarily anchored to that of logical attributions, categorizations and regularities (categorical imperative). By defining and calculating things like space and time, heaven and earth, bodies and weightlessness, it even tries to give the state of flotation a well-founded ground. A flotation of reason thus only seems possible at those points where philosophical wonder (the unknowability of things), aesthetic contemplation (perception without conception) or insanity (as an unmoored interpretation of reality) are able to cancel out the force of reason’s rules. That our present age, however, has eagerly replaced the capacity for wonder with irony, still conceives of insanity as a purely pathological object of knowledge (Foucault) and pursues the act of aesthetic contemplation largely through the perfection of its own (profile) images seems less of a floating, but rather a concrete indicator of the way (post-) modern humans access the world

2081 Meters (HGT) 

Floating in seventh heaven usually refers to being in love. While the most intimate linkage between floating and emotional sensation is realized in this phrase, it also suggests that a relation to a human other is an occasionally decisive criteria in the process. Even more foundational than having steady footing, it seems that every interaction with the other develops its dynamics in a fragile floating state. Isn’t the tiniest flick of a finger enough to make an unbound astronaut float endlessly into the deep reaches of outer space? A wary glance enough to drive those adrift in their own doubts deeper into despair? Or an incidental word enough to rob the enamored of their treasured balance high up on a cloud? For a down to earth human, such dynamics are certainly underlain by the lack of a solid position. But in the floater’s (bird’s eye) view, such a position is nothing more than an abstract sign. For every interaction in a floating state, the ground (and all its facts) can thus only serve as an insufficient measure. The peculiarities of a dance floor, by contrast, seem much closer – a place where the creation of flexible relationships and spontaneous reciprocities, rather than distinct standpoints, mark a successful interaction. 

+/- ∞ Meters (HGT) 

The ability to make people and things float has long since been enshrouded with the mystique of supernatural or divine powers. Magician Alexander Heimbuerger’s Das Wunder von Hindustan (1876) serves just as well as an example as the curious (because it unified all opposites within it) levitations of Budda Shakyamuni (500 BC). While the Buddha’s physical weightlessness (according to his doctrine) was based on a renunciation of all rational and emotional bonds (yogic flight), the floating child in Alexander Heimbürger’s magic trick proved to be little more than an arrangement of innovative techniques and refined illusions. The tactics of magicians should also be considered a natural part of of the ancient (and uninterrupted) human dream of achieving supernatural and divine abilities through recourse to technological developments. Yet the same developments which create the impression of transcendent world citizenship in the present age (technical mobility, digital media, nano and bio technology etc.), have also produced growing numbers of people living in uprooted situations (urban and digital nomads, economic exclusions, flows of refugees etc.) when considered sociologically. To extract some dimension of cosmic understanding from this uprooting would mean to open oneself up to floating, somewhere between free fall and illusion. It was these two moments that Yves Klein tried to dissolve into each other when he invoked the presence of the divine in the immaterial with his Leap into the Void (1960). 

 

Translation by: Good & Cheap Art Translators